Das Einkaufen macht keinen Spass. Es gibt keine Auswahl, nur eine Sorte pro Produkt. Keine unterschiedlichen Marken, kaum unterschiedliche Größen. Die Ware wird auf Paletten oder noch im Karton verkauft, die Verpackung ist oft lieblos gestaltet, vor den Kassen sind mehr oder weniger große „Schlangen“.

So oder so ähnlich wurden in früheren Zeiten die Lebensmittel-Läden in den sozialistischen Ländern geschildert. Ganz, ganz schlimm. Wie mensch sich halt eben die Diktatur so vorstellt. In der freien Welt jedoch gehen die Menschen freiwillig in solche Läden und machen das auch noch gerne: 3 von 4 deutschen Haushalten kaufen bei „Aldi“ ein und sorgten im Jahr 2013 für einen Umsatz alleine in Deutschland von 27 Milliarden €; weltweit sind es 67 Milliarden €.

Letzte Woche wurde der reichste Mensch Deutschlands, Karl Albrecht, beerdigt, der zusammen mit seinem Bruder Theo die Discount-Kette „Aldi“ gegründet hat. Da wohl kein anderes Unternehmen so typisch für Deutschland und die Deutschen ist, möchte sich der Wurm dieses Themas annehmen.

Hier Auszüge aus der „FAZ“, die kurz vor seinem Tod Karl Albrecht besuchte:

„Sie schufen Deutschlands größtes Handelsunternehmen, Deutschlands größtes Familienvermögen, rund 18 Milliarden Euro, und eine Marke, die das Nachkriegsdeutschland und seine Einkaufsgewohnheiten prägen sollte wie keine andere …

Karl Albrecht war wie sein Bruder penibel bis ins Mark, und dabei unglaublich geschickt darin, die Bedürfnisse der Deutschen zu erschnüffeln, in ihre Psyche zu kriechen und Europas größten Knauserern die Waren und Läden zu bieten, die sie gerade wollten. Die Albrechts wollten vor allem billig sein und das schafften sie durch ein extrem ausgedünntes Sortiment akzeptabler Qualität, an dessen Zusammenstellung sie ständig herumtüftelten …

Bis in die siebziger Jahre waren ihre Läden ein zuweilen schaudernder Spiegel der Wirtschaftswunder-Republik, es war die Perfektion von Kargheit und Minimalismus. In den frühen achtziger Jahren wurden Produkte wie der Aldi-Sekt plötzlich Kult unter Studenten. Heute experimentieren sie mit Edelsortimenten, in denen es schon seit langem Champagner geben darf. Ihr Unternehmen ruhte nie: Der Erfolg der Albrechts ist auch ein Ergebnis ständiger nahezu chamäleonhafter Anpassung an die Bedürfnisse der Deutschen …

In dieser Zeit, Anfang der sechziger Jahre, reifte bei Karl Albrecht eine Entscheidung, die er als die wichtigste seines Lebens bezeichnete: Die konsequente Einführung des Discount-Prinzips. Kostenträchtige Artikel sortierte er aus, die Einrichtung der Läden reduzierte er, das Sortiment verknappte er radikal, eine Rückkehr zur spärlichen Auswahl der unmittelbaren Nachkriegszeit: Nicht mehr als 350 Artikel sollten es anfangs pro Filiale sein. Die Marke Aldi wurde geschaffen – kurz für Albrecht-Discount – „eine Erfindung meines Bruders“, wie er neidlos eingesteht. Das Geschäft explodierte, schon bald reisten Kunden mit Bussen aus dem Umland an, um in Aldi-Läden einzukaufen. Es war für beide Brüder der große Sprung nach vorn …

Trotz solcher Härte trieb Albrecht ein ständiger Gedanke: Wie halte ich meine Mitarbeiter zufrieden? Wie bleibe ich so attraktiv, um die besten Talente ins Unternehmen zu holen und dort zu halten? Schon früh hatte ihn das zu einer ungewöhnlichen Entscheidung gebracht. Eines Morgens in den frühen siebziger Jahren trug er sie seinen Geschäftsführern vor. Das Entsetzen stand ihnen in die Gesichter geschrieben, als der Patriarch verkündete: „Unsere Leute verdienen nicht genug“. Von nun an sollte die gesamte Belegschaft 30 Prozent mehr Gehalt bekommen. „Sie hielten mich für verrückt, aber ich habe das durchgesetzt“, sagte Albrecht mit verschmitzter Mine. Selbst am Sterbebett sollte ihn das noch beschäftigen, gab er seinen Nachfahren auf: „Bezahlt unsere Leute gut, sie leisten viel.“

Ist die Rechnung aufgegangen? Nach Ansicht von Karl Albrecht unbedingt. „Gut bezahlte Mitarbeiter leisten mehr“, sagte er immer wieder. Noch heute zahlt Aldi Süd seinen Angestellten weit über Tarif, entlohnt seine Führungsmannschaften fürstlich und hat wenig Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften und kaum Betriebsräte - anders als Aldi Nord.“

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/ein-besuch-bei-aldi-gruender-karl-albrecht-13057122.html

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/karl-albrecht-aldi-gruender-ist-tot-a-982118.html

http://www.spiegel.de/wirtschaft/karl-albrecht-nachruf-auf-den-gruender-von-aldi-und-discount-erfinder-a-982116.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Aldi

Damit kann der Wurm gleich die Mitarbeiter vernachlässigen: was auch immer Negatives gesagt werden mag über Bespitzelung, Arbeitszeiten, Stress: „Aldi“ ist in der Branche bekannt für seine gute Bezahlung. Zumindest in früheren Zeiten war es so, dass es keine Bezahlung für den einzelnen Mitarbeiter gab, sondern für den ganzen Laden. Anders ausgedrückt: je weniger Mitarbeiter, umso höheres Gehalt. Und meistens war es so, dass die Mitarbeiter lieber mehr gearbeitet und dafür mehr Geld verdient haben. Wer also beim „Aldi“ arbeitet, sollte wissen, worauf er sich einlässt und wird dafür entsprechend gut bezahlt.

Nein, um die Mitarbeiter macht sich der Wurm keinen Kopf. Dafür um andere Dinge.

Lieferanten

Es gibt Lieferanten, die sind mit „Aldi“ mitgewachsen und haben daraus ihre Vorteile gezogen. Wenn die Verhandlungen  mit den Lieferanten abgeschlossen sind, gilt „Aldi“ als zuverlässiger Partner.

In den Verhandlungen selbst gilt „Aldi“ jedoch als knallhart. Wer sich dem von manchen so empfundenen Preisdiktat nicht unterwerfen will, braucht ja nicht zu liefern. Die Frage ist, ob sich das die entsprechenden kleinen und mittleren Unternehmen (wozu auch bäuerliche Betriebe zählen) überhaupt leisten können. Und stehen dann vor der Frage, ihre Ware unter Wert zu verkaufen oder ihren Betrieb zu schließen.

Oder einen Ausweg zu suchen. Etwa über Billiglöhne. Oder an der Qualität des Produktes zu sparen. Oder die Quantität zu erhöhen.

Durch „Aldi“ und seine Nachahmer hat sich das Land gewandelt. Herrschte vor noch wenigen Jahrzehnten im Handel die Devise „anständige Ware zu einem anständigen Preis“ zu verkaufen, muss heute alles billig sein.

"Über Fleischwaren einen Dumpingwettbewerb zu führen, ist schlicht eine Schweinerei", sagte Schleswig-Holsteins Agrarminister Robert Habeck (Grüne) der dpa am Samstag.

Er forderte die Verbraucher auf, verantwortungsvoll zu handeln und diese Waren zu "verschmähen". Die Discounter müssten aufhören, die Spirale immer weiter zu drehen.

"Lockangebote, die den Bauern die Daumenschrauben anlegen und sie zwingen, Masse statt Klasse zu produzieren, zerstören alles, was politisch sinnvoll ist", sagte der Agrarminister. Es heize ein System an, in dem das Wohl des Tieres nachrangig ist, in dem auch durch Gesetzesverstöße auf Schlachthöfen Tieren unnötiges Leid zugefügt werde.

Der Präsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes, Werner Schwarz, kritisierte den Preiskampf ebenfalls. "Wir fragen uns jetzt schon, was macht der Lebensmitteleinzelhandel da", sagte Schwarz der dpa. Der Druck auf die Erzeuger, billiger zu produzieren, werde durch solche Preissenkungen größer, sagte Schwarz …

Unterdes hat sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zu der letzten Preissenkung geäußert. Seiner Meinung nach sind bezahlbare, günstige Produkte aus Sicht der Verbraucher wünschenswert. Aber "verschleudert" werden sollten sie nicht. Das senke die Wertschätzung für Lebensmittel und berge die Gefahr für neue Lebensmittelskandale.“

http://www.agrarheute.com/erneut-preisrutsch-bei-Aldi?

Durch den allgemeinen Preisdruck müssen immer mehr bäuerliche Familienbetriebe aufgeben, da die Genossenschaften immer weniger für deren Produkte wie Milch oder Fleisch zahlen können.

Profiteure sind die großen Landwirtschafts-Multis. Mit den entsprechenden Folgen: Billiglöhne für die Mitarbeiter, übelste Massentierhaltung mit den entsprechenden Tierquälereien, Verschwinden der Sortenvielfalt bei Obst und Gemüse, Verschwinden der abwechslungsreichen Kulturlandschaften, Verseuchung der Landschaft mit Pestiziden und Nitraten, die letztendlich zum Bienen- und Artensterben führt, minderwertige, mit chemischen Zusatzstoffen aufgepäppelte Lebensmittel, die die Gesundheit ruinieren und so die Gesellschaft mit Milliardenkosten belasten.

Die Lebensmittel-Skandale der letzten Jahre lassen sich zu einem großen Teil auf diesen Preisdruck zurückführen. Hier noch ein paar Links dazu:

http://www.agrarheute.com/eierpreispolitik-der-discounter?

http://www.agrarheute.com/bio-eier-billiger-diskounter?

http://www.spiegel.de/wirtschaft/discount-strategie-aldi-senkt-milchpreise-radikal-a-622789.html

http://www.deutschlandfunk.de/wuetende-fischer-und-streikende-milchbauern.858.de.html?dram:article_id=122561

„Aldi“ ist nicht allein dafür verantwortlich – ist aber Vorreiter, dem alle anderen nachahmen bzw. nachahmen müssen.

Gesellschaft

Einige der gesellschaftlichen Folgen hat der Wurm schon angesprochen. Dazu kommt eine allgemeine Geringschätzung von Lebensmitteln wg. billigen Preises. Wer selbst im Schweiße seines Angesichtes mit der Erzeugung von Lebensmitteln zu tun hat oder zu tun hatte, kann darüber nur den Kopf schütteln. Genau so, wie das in anderen Ländern getan wird, in denen Wert auf gutes Essen gelegt wird. Etwa Frankreich oder Italien. Auch in der Schweiz, wo es allgemeiner Volkswille ist, dass die kleinbäuerlichen Familien-Betriebe erhalten bleiben und von ihren Erzeugnissen leben können.

Neben der Geringschätzung von Lebensmitteln geht eine Geringschätzung von Qualität einher. Wer eine „feine Nase“ hat, wird in den „Aldi“-Märkten (wie in allen anderen Billig-Märkten auch) den Geruch von „China“ feststellen. Der typische Geruch chinesischer Billig-Produkte kommt durch den Transport in den See-Containern zustande. Oft handelt es sich um Imitate von Marken-Produkten. Wer sich etwa eine richtig gute Espresso-Maschine zugelegt hat, kann sich von Gästen anhören, dass es die beim „Aldi“ auch gibt und was die dort kostet. Diese Maschine funktioniert zwar auch, ist aber weder vom Material noch vom Design und auch nicht vom Geschmack des Kaffees so gut. Aber „beim „Aldi“ gibt’s das auch“.

Gerne wird davon geredet, dass „Aldi“ für die Hartz IV-Empfänger ein Segen sei. Das ist Unfug: Bei den Hartz IV-Sätzen wurden die „Aldi“-Preise zu Grunde gelegt. Wären diese Preise höher, würden die Hartz IV-Empfänger mehr Geld bekommen. Und ohne „Aldi“ und Konsorten gäbe es weniger dieser Hartz IV-Empfänger und mehr Menschen würden bessere Löhne bekommen.

Wer bei „Aldi“ einkauft, sollte sich darüber im Klaren sein, was er da unterstützt und wofür er letztendlich Mitverantwortung trägt. Aber in diesem Land gilt ja die Devise „Jeder ist sich selbst der Nächste“. Wenn jetzt die Ärmsten der Armen dort einkaufen, mag das ja noch in Ordnung sein. Auch noch für diejenigen, die sich durch die geringeren Preise auf eine andere Art etwas mehr leisten können.

http://www.taz.de/!91410/

Erschreckend ist jedoch, dass ein Großteil der sehr gut Verdienenden und sogar Vermögenden dort ihre Einkäufe tätigen. Ein Franzose oder Italiener würde es als völlig stillos empfinden, mit dem dicken Benz oder sonst einem teuren Auto beim „Aldi“ vorzufahren. Oder dort seinen Champagner einzukaufen.

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/294702/umfrage/umfrage-in-deutschland-zum-einkommen-von-aldi-kunden/

Um was für ein Land der Hinterwäldler es sich hier handelt, zeigt sich darin, dass der Billig-Discounter „Aldi“ nach dem Autohersteller Porsche den zweitbesten Ruf aller Unternehmen in Deutschland hat (Umfrage aus 2004). Das ist ernst gemeint, überrascht aber nicht, wenn mensch die Deutschen kennt.

„Bestnoten gibt es für Aldi sogar bei der Frage nach der „emotionalen Ansprache“. Hier lieferten sich die schmucklosen Läden, die bei fahlem Neonlicht ihre Ware in der Regel von einfachen Paletten verkaufen, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Porsche. Die Nobelmarke BMW („Freude am Fahren“) ließen die Billig-Supermärkte in Sachen Sinnlichkeit weit hinter sich.

Spitzenwerte erntete Aldi von den insgesamt 6 947 online befragten Verbrauchern ebenfalls in der Kategorie „Produkte und Services“ – und das, obwohl Aldi nur das Nötigste bietet, was den Service angeht.“

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/die-bahn-hat-den-schlechtesten-ruf-unter-deutschlands-top-unternehmen-deutsche-lieben-porsche-und-aldi/2435636.html

Gegenentwurf

Nun könnte mensch ja meinen, „das ist halt so“. Dass es auch ganz anders geht, selbst für einen Discounter, zeigt Götz Werner mit seinem „dm“. Unter anderem mit folgenden Punkten:

- die Läden sind sehr kundenfreundlich gestaltet

- auch die einfachsten Mitarbeiter werden in Unternehmens-Entscheidungen eingebunden

- es wird ausgebildet und es wird Wert auf die Persönlichkeits-Entwicklung der Auszubildenden gelegt

- Trendsetter für öko, nachhaltig, fair, sozial

- für Bio-Produkte wurden Bauern und Unternehmen gesucht und aufgebaut, die diese Produkte anbieten konnten

- Eigenmarken für unter anderem Naturkosmetik ohne Tierversuche und ohne tierische Inhalte

- kein Alkohol, keine Zigaretten und Süßigkeiten nur aus dem Bio-Bereich

http://www.ansichten-eines-regenwurms.de/55-goetz-zitate.html

Spätestens im Vergleich mit Götz Werner wird klar, wie kleingeistig bis beinahe schäbig die Albrecht-Brüder waren. Auch ist nicht bekannt, dass sie abseits ihrer Billigpreise irgend etwas für die Gesellschaft getan hätten. Ganz im Gegensatz zu Götz Werner.

Von dem stammt auch der Satz „Es ist keine Schande, reich zu werden – es ist aber eine Schande, reich zu sterben“. Von Karl Albrecht, der als reichster Mensch Deutschlands starb und sich doch nichts „geleistet“ hat, wäre dieser Satz nicht denkbar gewesen.

http://www.stupidedia.org/stupi/Aldi